Europameisterschaften im Garde- und Schautanzsport 2019

2.000 Aktive, vier Länder, eine Leidenschaft. Das waren die Europameisterschaften im Garde- und Schautanzsport 2019 in Hanau. Wieder einmal wurde klar, wie wenig Worte oder Sprachkenntnisse nötig sind, um sich zu verstehen. Tanzen verbindet. Tanzen baut Brücken und überwindet Grenzen, wie kaum etwas anderes.

Foto: Daniel Schrick

Aus weiten Teilen Deutschlands, Belgiens, Österreichs und den Niederlanden waren die Tänzer angereist. Nur alle vier Jahre findet die EM in Deutschland statt. Ausrichter war wie schon 2015 der TSC Schwarz-Gold Frankfurt. Mit viel Professionalität und Lösungen für jedes Problem sorgte der Verein für beste Stimmung. Nach der Schülerklasse am Freitag und der Jugendklasse am Samstag zeigten am Sonntag die „Großen“ der Hauptklasse ihr Können. Zur Eröffnungsfeier gab es zunächst eine Cheerleader-Einlage der Deutschen Meister FTG Allstars aus Pfungstadt. Nach Begrüßungsreden und Nationalhymnen verabschiedete sich DVG-Präsident Lothar Müller mit emotionalen Abschiedsworten aus seinem Amt. „Ich habe das all die Jahre nicht für irgendwelche Funktionäre gemacht, sondern vor allem für euch – für die Aktiven“, sagte Müller. Er ist nun zum Ehrenmitglied des Deutschen Verbandes für Garde- und Schautanzsport ernannt worden.

 

Marsch

Eröffnet wurde der EM-Sonntag mit der Disziplin Marsch. Die „Tigers“ vom TSC Schwarz-Gold holten sich zum Tagesbeginn den Heimsieg. Mit Haarschmuck im Schwarz-Rot-Gold-Style zeigten sie schon klar, mit welcher Rolle sie in die Disziplin gehen, denn mittlerweile hat die Gruppe mehr als 40 Europameistertitel und Deutsche Meistertitel gewonnen. Die Frankfurter Tänzerinnen zeigten einen gewohnt souveränen Marsch. Mit zackigen Bewegungen schwebten sie durch die Formationen und zogen die Battements in einer atemberaubenden Präzision. Das Schnellkrafttraining der letzten Monate konnte sich offenbar sehen lassen. Der Vize-Europameistertitel ging in die Niederlande an die Gruppe „Untouched“ vom Dance Team Nistelrode. 18 Tänzerinnen zelebrierten Gardetanz pur. Beherzt und mit viel Freude tanzten sie schöne Schritte in sauberen und abwechslungsreichen Aufstellungen. Über den dritten Platz freute sich „Footloose“ vom JSK Rodgau. Sie punkteten vor allem mit ihrem stolzen und entschlossenen Auftreten. Für einen Schockmoment sorgte die Gruppe „Finesse“ aus Belgien. Beim Einmarsch wurde eine der Tänzerinnen ohnmächtig und musste

von der Bühne getragen werden. Das Publikum hielt den Atem an und reagierte mit viel Einfühlungsvermögen. Das Moderatorenteam konnte die Situation gut lösen und die Turnierleitung ließ zunächst die folgende Gruppe starten. Die Belgier durften anschließend noch einmal mit einer Tänzerin weniger antreten. Sie hatten den Schock gut verdaut und ließen sich kaum etwas von dem kurzfristigen

Ausfall anmerken.

Europameister in der Disziplin Gardetanz Marsch - TSC Schwarz-Gold Frankfurt. Foto: Daniel Schrick

Garde Solo

Die Disziplin Gardetanz Solo wurde zum größten Teil von den Tänzerinnen aus den Niederlanden und Belgien dominiert. In einem starken Starterfeld von insgesamt 13 qualifizierten Frauen und einem Mann schaffte es nur eine Deutsche in die Top fünf: die neunfache Deutsche Meisterin Nina Zoranovic vom JSK Rodgau. Sie krönte den Abschluss ihrer langen Tänzerkarriere mit dem

Vize-Europameistertitel. So fröhlich und elegant wie Nina schafft es kaum eine Tänzerin, die schweren Elemente zu tanzen. Sie wurde nur von der Niederländerin Maxime Boumans vom Dance Team Nistelrode geschlagen. Ihr spanisch angehauchter Tanz hatte durch Kostüm und Musik nicht nur einen roten Faden, sondern auch den mit Abstand höchsten Schwierigkeitsgrad. Sprünge, Hock-Streck-Elemente, Überschläge, Räder – Maxime hatte sie alle drauf und wurde verdient Europameisterin. Platz drei ging an die Belgierin Kim Van der Venne vom TSC Dance Feet Kelmis – ein absolutes Kraftpaket, getragen vom riesigen belgischen Fanblock, der mit nach Hanau angereist war. Zweibeste Deutsche wurde Katharina Schreiner vom TSC Schwarz-Gold Frankfurt auf Platz sechs.

Neue Europameisterin in der Disziplin Gardetanz Solo ist Maxime Boumans aus den Niederlanden. Foto: Daniel Schrick

Garde Paare

Nur zwei Garde Paare hatten sich für die Europameisterschaft qualifiziert – beide aus Belgien, beide vom TSC Dance Feet Kelmis. Überraschungen gab es deshalb keine. Zum elften Mal in Folge gewannen Saskia Waghemans und Levy Gulpen. Die beiden sind Cousin und Cousine und stehen seit ihrer Kindheit gemeinsam auf der Bühne. Ihr blindes Vertrauen ineinander spiegelt sich im Tanz wieder. Synchrone Abläufe, eingespielte Hebungen und unheimlich viel Spaß machen ihren Stil aus. Auch sie verabschieden sich nun von der Turnierbühne, da sie nach der Schule neue berufliche Wege gehen, die sie vorerst trennen. Aber auch Maxine Bühler und Geoffrey Jennes zeigten eine runde Darbietung mit schönen Tanzschritten und ohne Unsicherheiten bei den Hebefiguren. Besonders die kreativen Auf- und Abgänge erfreuten das fachkundige Publikum. Mit etwas mehr Routine können sie vielleicht schon bald den Platz von Saskia und Levy an der europäischen Spitze einnehmen.

Saskia Waghemans & Levy Gulpen gewinnen die Disziplin Gardetanz Paar. Foto: Daniel Schrick

Polka

Spannend wurde es bei der Polka, bei der sich die Wertungsrichter nicht ganz einig waren. Entsprechend knapp ging das Ergebnis aus. Durchsetzen konnten sich die „Dragons“ vom KV De Waggelerre aus Belgien. In feurigem Rot überzeugte die Gruppe mit Spritzigkeit und innovativen Schrittkombinationen. Die Verbindung mit Akrobatik vom Feinsten sorgte für zahlreiche Wow-Effekte in ihrem Tanz. Platz zwei ging an „Touch“ vom Dance Team Nistelrode aus den Niederlanden. Modern und so leicht sah ihr Tanz aus. Sauber ausgeführte Überschläge und Hockelemente sowie schöne Formationswechsel brachten viel Abwechslung. Der dritte Platz ging nach Deutschland an den TSC Schwarz-Gold Frankfurt. So, wie die zehn Gruppenmitglieder der „Tigers“ tanzen, könnte man denken, dass jede einzelne auch Solo tanzen könnte. Auch sie überzeugten mit einem hohen Schwierigkeitsgrad. Unglücklich auf Patz vier landete die Gruppe „Euphoricka“ (TG Freiberg), die noch vor einer Woche ihren ersten Deutschen Meistertitel feiern konnte.

Die Polka-Queens kommen aus Belgien: KV De Waggelerre. Foto: Daniel Schrick

Garde mit Hebefiguren

Drei Starter aus drei Ländern gab es bei den Gardetänzen mit Hebefiguren. Sie alle hatten sich zu Recht qualifiziert, denn sie zeigten, dass diese Disziplin nicht nur aus Heben und Werfen besteht, sondern auch aus Tanzen. So sah das Publikum drei Tänze mit schönen Kombinationen aus Schritten und Hebungen – das machte viel Spaß beim Zusehen. Am sichersten präsentierten die „Spiders“ (TSC Dance Feet Kelmis) aus Belgien ihren Tanz. Paar- und Gruppenhebungen sowie kreative Pyramiden sorgten für sehr viel Abwechslung – ein Genuss fürs Auge. Ähnlich gut waren die „Moskitos“ der Aascher Schnooke Nidderau aus Deutschland. Statt wie die Belgier vier Hebemänner hatten sie allerdings nur einen und deshalb etwas weniger Möglichkeiten in dieser Disziplin. Platz zwei hieß es am Ende für die Hessen. Auf dem dritten Platz landete die Gruppe „Dance Generation“ aus dem österreichischen Braunau. Mit außergewöhnlichen Figuren riskierten sie viel, konnten aber dennoch an der europäischen Spitze mithalten.

Gardetanz mit Hebefiguren: Neuer Europameister - die Spiders des TSC Dance Feet Kelmis aus Belgien. Foto: Daniel Schrick

Schau Solo

Nach der Mittagspause starteten die Schautanzdisziplinen mit den Solisten. Das Treppchen war in dieser Disziplin komplett in Schwarz-Rot-Goldener Hand. Eindeutiger konnte der Europameistertitel nicht vergeben werden. Alle sieben Jurymitglieder werteten

Arianna Adler vom TSC Darmstadt 2000 auf den ersten Platz. Sie hat den Sprung in die Hauptklasse erfolgreich gemeistert und zeigte eine tänzerische Reife, wie sie nur wenige in ihrem Alter bringen können. In ihrem Tanz „Malade“, zu Deutsch „krank“, präsentierte sie die Geschichte einer betrogenen Frau. Ihr Kummer machte sie alkoholkrank, was Arianna eindrucksvoll vertanzte. Zweite wurde Mischell Hohler vom TSV GymTa-Session Altlußheim mit ihrem Tanz „One earth – one chance“. Als Friedenstaube wirbelte sie über die Bühne. Sowohl tänzerisch als auch turnerisch und mit starkem Ausdruck überzeugte sie die Wertungsrichter. Ihre Aussage, dass wir Menschen auf die Erde aufpassen müssen, berührte das Publikum. Auf Platz drei schaffte es Alina Dübner (ebenfalls TSC Darmstadt

2000) mit „#metoo“. Sie thematisierte dabei sexuelle Gewalt an Frauen im Alltag. Mutig und mit provokantem Kostüm führte sie durch das schwere Thema. Voller künstlerischer Verzweiflung vertanzte sie die Botschaft: Wir alle können das zusammen ändern – ein starker Auftritt, der zum Nachdenken anregt.

 Neue Europameisterin im Schautanz Solo ist Arianna Adler vom TSC Darmstadt 2000. Foto: Daniel Schrick

Schau Duo

Auch die Schau Duos wurden von Deutschland dominiert. Europameister wurden Mischell Hohler und Kevin Ulrich vom TSV GymTa-Session Altlußheim mit ihrem Tanz „The story of Steven Hawking“, in dem sie gefühlvoll die Lebensgeschichte des berühmten Wissenschaftlers erzählten. Nicht nur durch ihre spektakulären Hebefiguren, für die es heftigen Szenenapplaus vom Publikum gab, hoben sich die beiden von den anderen Paaren ab. In ihrem Tanz stimmte einfach alles. Vizemeister wurden Arianna Adler und Melissa Erbes vom TSC Darmstadt 2000 mit „Stairway to heaven“. In einem Traum aus weißen Glitzerkleidern führten sie ihre Zuschauer mit der kreativ eingesetzten Leiter in den Himmel – einfach wunderschön anzusehen. Statt Verzweiflung und Trauer versprühten sie Hoffnung mit ihrem Tanz, der sich in zahlreiche traurige und ernste Themen einreihte. Platz drei ging nach Belgien an Céline Croes und Tessa Schalley (DF Silverstar). Ihr Tanz hatte kein Thema und keine Requisiten. Es war der reine Tanz ohne viel Schnickschnack, der die Jury überzeugte.

Neue Europameister in der Disziplin Schautanz Duo: Mischell Hohler & Kevin Ulrich. Foto: Daniel Schrick

Modern

Unschlagbar im Modern waren in diesem Jahr erneut die „Dragons“ des TSC Darmstadt. Das Publikum erlebte in dieser Disziplin ein Feuerwerk an lauten Beats, großen Bewegungen und bunten Kostümen – Reizüberflutung pur. Statt einfach nur Ausrasten zeigten die „Dragons“, dass Modern auch mehr als das ist. Mal ernst, mal sexy, mal mit purer Lebensfreude war ihr Tanz besonders abwechslungsreich. Über den Vizemeistertitel freuten sich die „Unlimiteds“ vom TV Hausen. Der Verein schrieb nach dem Erfolg der Gruppe: „Der Applaus der vielen Fans feuerte die Unlimiteds an und die zündeten den Turbo und legten einen fehlerfreien Tanz aufs Parkett. WOW! […] Nach viel Ab und Auf und Tiefen und Höhen ist der Spaß am Sport zurückgekehrt und alle Aktiven, Trainer und Betreuer sind ein Team – das hat man auf der Bühne gesehen und im Saal gespürt.“ Auch der dritte Platz ging nach Deutschland an die „Black Devils“ aus Altlußheim. Sie stachen durch Präzision, Power und kreative Einzelparts hervor.

Der Titel in der Disziplin Modern geht an die Dragons des TSC Darmstadt 2000. Foto: Daniel Schrick

Freestyle

Was Darmstadt im Modern ist, das ist Altlußheim im Freestyle. Die „Formation Futuro“ ist 14-facher Deutscher Meister und jetzt auch wieder um einen Europameistertitel reicher. Was soll man sagen – der Erfolg muss neidlos anerkannt werden, denn über die vielen Jahre ist die Gruppe schlicht unerreichbar in dieser Disziplin und deshalb völlig verdient wieder Meister geworden. In ihrem Tanz verschmelzen die Tänzerinnen und Tänzer zu einer einzigen fließenden Bewegung. Es macht so viel Freude, die Gruppe auf der Bühne zu sehen. Aber auch der Vize-Europameister konnte sich mit seiner Choreografie sehen lassen. Den Titel holten sich die Belgier „Blue Stars“ vom DF Silverstar. Sie brachten etwas auf die Bühne, was man am besten vielleicht mit getanzter Leidenschaft betiteln kann. Wunderschöne Bewegungen, nur schwer in Worte zu fassen. Den dritten Platz ertanzten sich die „Magic Angels“ aus Wiesentheid. Auch sie zelebrierten den Tanz und gaben sich gefühlvoll ganz der Musik hin.

 Disziplin Freestyle - Alter und neuer Europameister: TSV GymTa-Session Altlußheim. Foto: Daniel Schrick

Charakter

Im Schautanz Charakter sorgte das „Euregio Dance Team“ aus Belgien für eine Überraschung. Mit ihrem kreativen Tanz „Stonecold and heartless“ sicherten sich die Tänzerinnen und Tänzer den Europameistertitel. Sie vertanzten den Weg von gefühlskalten, roboterartigen Wesen, die nach dem Schlüssel zu ihren Herzen suchen. Mit starkem Ausdruck vertanzten sie den harten Weg zum Ziel. Der Vizemeistertitel ging nach Darmstadt. Ihr Tanz „Adieu“ war eine Hommage an den verstorbenen Sänger Udo Jürgens. Die Botschaften, die Udo Jürgens in seinen Liedern verbreitet hat, übertrug die Gruppe und setzte sie tänzerisch um – und das äußerst gelungen, selbst wenn man kein Fan der Musik ist. Besonders berührt hat der Schautanz „Lili“ der TSG Künzell, der auf dem dritten Platz landete. Die

Gruppe vertanzte die Verwandlung eines Transgender-Mannes, der sich im falschen Körper sieht und zur Frau umoperieren lässt. Die Geschichte, Kostüme und Musik rissen mit und versetzten die Zuschauer mitten in die Seele von „Lili“.

Der Europameistertitel in der Disziplin Schautanz Charakter geht nach Belgien. Foto: Daniel Schrick

Schau mit Hebefiguren

In der letzten Disziplin des Tages traten drei Gruppen aus Deutschland an. Spektakuläre Figuren, meterhohe Würfe, Sprünge, Hebungen und Pyramiden ließen die Zuschauer den Atem stocken und die Sanitäter schwitzen. Es ging jedoch alles gut und keine der Gruppen überschätzte ihr Können, was in dieser Disziplin so wichtig ist, wie in keiner anderen. Klar auf Platz eins gewertet wurde die „New Dimension“ vom Show- und Akrobatikverein Velden. Ihre Choreografie war noch ein bisschen abwechslungsreicher und die Formationen noch ein bisschen sicherer als bei den anderen Gruppen. Der Vizemeistertitel ging an „Tanztreu“ vom TV Lauingen. Mit acht Männern und 14 Frauen zeigte die Gruppe, was in dieser Disziplin alles möglich ist – einfach wow. Dritter wurden die „Dexi Dancers“ vom TuS Dexheim. Sie hatten zwar nur einen Mann im Team, bewiesen aber, dass spektakuläre Hebungen nicht unbedingt nur von Männern gestemmt werden können. Die Gruppe konnte gut mit den anderen beiden mithalten.

Europameister in der Disziplin Schautanz mit Hebefiguren: New Dimension (Show und Akrobatik Verein Velden). Foto: Daniel Schrick

Nach zwölf Stunden ging dann also der Hauptklasse-Turniertag zu Ende. Im kommenden Jahr findet die Europameisterschaft in den Niederlanden statt, dann in Belgien und Österreich, bevor es 2023 wieder nach Deutschland geht. Alle Ergebnisse und Fotos der Euro findet ihr hier:


Alle Ergebnisse der Europameisterschaft 2019 in der Übersicht:

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Ergebnisse Jugendklasse Samstag.pdf
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Alle Teilnehmer der Hauptklasse am EM-Sonntag: