Die ganz großen Gefühle beim ganz großen Finale – Deutsche Meisterschaften des BDK in Oberhausen

 

10000 Zuschauer sorgten in Oberhausen für eine tolle Atmosphäre.

Was für ein Tag. Was für ein Wochenende. Was für eine Saison. Weit mehr als 10.000 Menschen aus allen Teilen Deutschlands pilgerten am 25. und 26. März in die König-Pilsener-Arena nach Oberhausen. Es ist doch immer wieder großartig zu sehen, wie sehr unser Sport Menschen verbindet, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: traditionsbewusste Karnevalsliebhaber, moderne Tanzsportler, die Mutti aus Franken, die mitfiebert, wenn ihr Großer auf der Bühne steht. Die kleine Schwester aus dem Rheinland, die zu ihren großen Geschwistern aufschaut und später selbst mal so tanzen möchte. Der Papa aus dem Norden, der vorher noch nie etwas mit Tanzen oder Karneval am Hut hatte. Alte und Junge, Männer und Frauen, Spießer, Freigeister und die, die einfach mal gucken wollten. Sie alle waren da…

Deutsche Meisterschaft also. Das große Finale einer turbulenten Saison. Viel hat sich in letzter Zeit beim BDK und seinen Vereinen getan. Manche Vereine gibt es nicht mehr, andere sind ausgedünnt, manche gewachsen und wieder andere haben sich komplett neu aufgestellt. Das wurde auch bei der Deutschen Meisterschaft deutlich. Alles ist irgendwie durcheinander gewürfelt. So neu. So anders. Aber gut anders. Doch jetzt erstmal von vorn:

 

Pünktlich um 9 Uhr wurde am Sonntagmorgen das Ü15-Turnier eröffnet. Ausrichter in diesem Jahr: Die KG Scharwache Alsdorf. Obwohl allen in der Nacht wegen der Uhrenumstellung auf die Sommerzeit eine Stunde „geklaut“ wurde, war von Müdigkeit bei niemandem die Rede. Die Massen strömten durch alle Eingänge der riesigen halbrunden Halle. Teilweise wurden die Ferngläser gezückt, um ganz hinten auch noch alles richtig sehen zu können. Es wurde immer lauter und endete am Ende im gemeinsamen Jubel der Tanzsportbegeisterten. BDK-Präsident Klaus-Ludwig Fess richtete sich mit den Worten „Alle, die es geschafft haben hier zu sein, sind für mich bereits Sieger“ an die Aktiven. Und dann ging’s los. 

Tanzpaare

 

Schon in der ersten Disziplin Tanzpaare deutete sich eine Spannung an, wie sie kaum aufregender sein konnte: Fabienne Dittrich und Fabian Stollsteimer (GFTB Die Filderer), Sarah Philips und Christian Müller (Buchnesia Nürnberg) sowie Selina Hoffmann und Alexej Balzer (Mühlburger CG) – drei Tanzpaare, die elf Meistertitel  in allen drei Altersklassen auf sich vereinen – starteten mit den besten Chancen in das Turnier. Doch als Startnummer eins gingen zunächst Lorena Ruthardt und Johannes Kempf (Buchnesia Nürnberg) an den Start und eröffneten damit das Turnier. Die beiden überzeugten gleich zu Beginn mit absoluter Synchronität und Exaktheit. Platz drei mit 456 Punkten war ihnen am Ende sicher. Absolut überraschend, denn mit dem Paar hatte niemand gerechnet. Zwar wurden Lorena und Johannes Dritte bei der Süddeutschen Meisterschaft, hatten im letzten Jahr aber nur Platz sieben erreicht. Umso größer war die Freude am Ende der Disziplin bei den beiden. Laute „Buh“-Rufe gab es dagegen bei Jessica Kummer und Tobias Kuhn (TSG Bellheim). Die Vorjahresdritten zeigten einen herausragenden Tanz. So leicht, so schwerelos und mit einem enorm hohen Schwierigkeitsgrad. Die 452 Punkte von der Jury reichten am Ende nur für Platz fünf. Sarah Philips und Christan Müller gingen mit der Startnummer sieben an den Start. Ein kleiner Wackler in der ersten Hebung sorgte für minimale Verunsicherungen. Dennoch zauberten die beiden eine wunderschöne Choreo auf die Bühne und räumten 475 Punkte ab. Die fünffachen Deutschen Meister sind seit drei Jahren ungeschlagen gewesen und hatten hohe Erwartungen an sich selbst. Die hohe Punktzahl reichte am Ende für den Vizemeistertitel. Wie es jetzt für die beiden weitergeht ist noch ungewiss, denn sie schreiben in diesem Jahr beide Abitur. „Wir müssen schauen, wie es danach weitergeht“, sagten sie Garde & Show. Sarah will Physik studieren und Christian macht ein duales Studium bei einer Bank. Da wird das mit viermal pro Woche Training nichts mehr. Aber zurück zum Turnier: Den Meistertitel holten sich Selina Hoffmann und Alexej Balzer mit 485 Punkten zurück. Sie waren nach einer langen Verletzungspause in diesem Jahr endlich zurück auf der Turnierbühne und die Fans feierten sie, als wären sie nie weggewesen. Selina und Alexej legten ihr ganzes Herzblut in diesen Tanz. Sie präsentierten sich einen Tick sicherer als Sarah und Christian und konnten sich somit auch verdient ihren fünften Titel holen. Auch Platz vier soll nicht unerwähnt bleiben. In ihrer ersten gemeinsamen Saison als Tanzpaar überzeugten Lena Kern und Thomas Kwick (DJK Oberasbach) mit 453 Punkten. 

Platz 1 Tanzpaare: Selina Hoffmann und Alexej Balzer

Platz 2 Tanzpaare: Sarah Philips & Christian Müller
Platz 3 Tanzpaare: Lorena Ruthardt und Johannes Kempf

Weibliche Garden

 

Als zweite Disziplin des Tages starteten die weiblichen Garden – Königsdisziplin. Als Titelverteidiger ging das Tanzkorps Rote Husaren Neuenkirchen auf die Bühne. Sie hatten während der Saison mit vielen Verletzungen zu kämpfen, wie Trainerin Melanie Hagemann-Mohr Garde & Show erzählte. Die Mannschaft ging pünktlich zur DM aber mit voller Besetzung von 30 Tänzerinnen auf die Bühne und lieferte absolute Perfektion ab. Alleine wie sie marschieren hebt sie von allen anderen ab. Sie sehen beim Tanzen so aus, als würden sie einfach nie etwas anderes tun. Verdiente 485 Punkte sicherten der Gruppe ihren dritten Titel in Folge. Platz zwei ging an die Tänzerinnen der KKG Buchnesia Nürnberg. Ziel von Trainerin Ruth Angermeyer war es, endlich auch mal den Titel mit der weiblichen Garde zu holen. Der Wunsch wurde nicht erfüllt. Dennoch kein Grund zum traurig sein. Für einen wunderbar abwechslungsreichen Tanz mit toll ausgetanzten Höhepunkten, einem unvergleichbaren Zack und extrem lauten Fans im Rücken gab es 480 Punkte. Der dritte Platz ging genauso wie im letzten Jahr in den Norden zur Tanzsportgarde Harsewinkel. Synchronität, Kreativität und viel Bewegung auf der Bühne zeichneten die Gruppe aus und wurden mit 475 Punkten belohnt. Damit sieht das Treppchen bei den weiblichen Garden in diesem Jahr genau gleich aus wie im letzten Jahr. Dass der Norden aufgeholt hat, konnte man auch an Platz vier sehen. Im letzten Jahr noch auf Platz sechs verbesserte sich die Großenritter CG Baunatal nochmal merklich und wurde mit 468 Punkten für die harte Arbeit belohnt. Das vorher gesteckte Ziel, eine bessere Platzierung als letztes Jahr zu bekommen, haben sie erreicht. Ganz dramatisch ging es dagegen bei der Victoriagarde der SV „Die Holzbiere“ aus Knielingen zu. Mitten im Tanz ging eine Tänzerin zu Boden und stand nicht wieder auf. Sie hatte sich verletzt und der Tanz musste abgebrochen werden. Die Gruppe durfte dann noch einmal tanzen und löste die Situation hochprofessionell. Trotzdem war die Lücke zu sehen und es wurde ein undankbarer fünfter Platz.

Platz 1 weibliche Garden: TK Rote Husaren Neuenkirchen

Platz 2 weibliche Garden: KKG Buchnesia Nürnberg

Platz 3 weibliche Garden: Tanzsportgarde Harsewinkel

Gemischte Garden

  

Nach einer kurzen Verschnaufpause wurde es für die gemischten Garden ernst. Ganz besonders in dieser Disziplin wurde deutlich, wie viel sich in den letzten Jahren beim BDK geändert hat. Vereine, die noch nie oder lange nicht auf der Deutschen Meisterschaft getanzt haben, waren dieses Mal wieder mit dabei. Durch die Auflösung des jahrelangen Spitzenreiters TSV Landau wurde zudem ein sicherer Platz auf dem Treppchen frei. Viel Neues wurde wieder gewagt. Doch den Titel konnte eigentlich nur eine Gruppe wirklich realistisch gewinnen: die gemischte Garde der KKG Buchnesia Nürnberg. Seit drei Jahren sind die Franken ungeschlagen. Auch bei den Punktzahlen der vergangenen Turniere war deutlich zu sehen, dass sie auch in diesem Jahr niemand schlagen konnte. Mit einem enormen Abstand auf Platz zwei und 483 Punkten machte die Gruppe ihren Traum von der Titelverteidigung wahr. Die 18 Tänzerinnen und neun Tänzer waren auf den Punkt für die DM fit. Mittlerweile sind sie seit vier Jahren unantastbar. Man hätte vielleicht denken können, dass zahlreiche Fernsehauftritte und der Tanz im Bundeskanzleramt in Berlin an den Kräften der Tänzer gezehrt hätten. Aber weit gefehlt, sagte Trainerin Ruth Angermeyer: „Das war gar nicht stressig für uns, sondern total belebend und hat die Gruppe nochmal mehr zusammengeschweißt. Das war alles nur noch mehr Motivation für uns.“ 460 Punkte gab es für Platz zwei, den ewigen Vizemeister aus Bellheim. Die Tanzsportgemeinschaft ertanzte sich bereits ihren fünften Vizemeistertitel. Auch diese Gruppe plagte bei den Vorbereitungen das Verletzungspech, verriet Trainerin Lisa Hoffmann Garde & Show. „Aber dabei sein ist alles. Die Deutsche Meisterschaft ist jedes Jahr wieder etwas ganz Besonderes für unsere Tänzer.“ Die Überraschung des Tages gelang in dieser Disziplin dem dritten Platz: Der KG Schwerfe bliev Schwerfe. Die Norddeutschen Meister gingen vollkommen ungezwungen und ohne Druck an ihren Tanz und zeigten vor allem ganz viel Herz. Die Routine aus neun Turnierstarts und davon acht Siegen hat der Gruppe gutgetan. 457 Punkte reichten für Platz drei. In der Mittagspause war dann vor allem eines angesagt: Feiern!

Platz 1 gemischte Garden:  KKG Buchnesia Nürnberg

Platz 2 gemischte Garden: TSG Bellheim

Platz 3 gemischte Garden: KG Schwerfe bliev Schwerfe

Tanzmariechen

  

Nach der Mittagspause ging es weiter mit den Tanzmariechen. Im Gegensatz zu den gemischten Garden war es hier komplett offen, wer sich den Deutschen Meistertitel ertanzte. Die Juniorenmeisterin aus dem Vorjahr, Liana Wolf (DJK Schwabach), lieferte sich bei den letzten Turnieren mit der Ü15-Meisterin von 2016 und 2015, Katharina Theil (DJK Oberasbach), ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Mal gewann Liana das Turnier, mal Katharina. Und beide mussten die Süddeutsche Meisterschaft und damit eine gewisse Vorentscheidung auslassen, denn der Deutsche Meister des Vorjahres ist automatisch qualifiziert und darf nicht am Halbfinale teilnehmen. Als erste der Favoritinnen ging Liana Wolf mit Startnummer sieben ins Rennen. Sie überzeugt mit einem einzigartig leichten Stil und wirkte frei und sicher. Bei ihr wurde die erste 100er-Wertung des Tages gezogen. Sie legte mit insgesamt 490 Punkten vor – Bestleistung. Katharina Theil ging mit Startnummer 14 auf die Bühne. Sie schafft es, die Halle beim Einmarsch so laut werden zu lassen, wie den ganzen Tag noch nicht. Und sobald sie anfing zu tanzen, war es komplett still in der Halle. Und das einfach nur mit ihrer Präsenz. Das Ausnahmetalent zeigte Nerven und Willensstärke. Sie tanzte augenscheinlich um alles und wurde mit einer Traumwertung von 100, 100, 97, 100, 97, 100, 96 belohnt. Die Halle stand Kopf und jubelte minutenlang. Katharina bekam unglaubliche 494 Punkte – die zweithöchste Wertung, die jemals bei einer Deutschen Meisterschaft des BDK getanzt wurde. Dies können nur Jennifer Tompkins und Ernst Voigt mit 496 Punkten im Jahr 1994 toppen. Etwas abgeschlagen nach Katharina und Liana folgte Platz drei: Kirsten Orth (Mühlburger CG). Die Vizemeisterin aus dem Vorjahr ertanzte sich immer noch hervorragende 479 Punkte. Ihr Ziel war es, auf dem Treppchen zu stehen und das hat sie erreicht. 

Platz 1 Tanzmariechen: Katharina Theil, DJK Oberasbach

Platz 2 Tanzmariechen: Liana Wolf, DJK Schwabach

Platz 3 Tanzmariechen: Kirsten Orth, Mühlburger CG

Schautänze

  

Zum krönenden Abschluss des Turniers wurde es bei den Schautänzen nochmal laut und bunt. Mal Drama, mal Witz, aber in jedem Fall umwerfende Kreativität prägten diese Disziplin. Für viele doch recht überraschend schaffte es die KKG Buchnesia Nürnberg auch bei den Schautänzen erstmals ganz nach oben aufs Treppchen. Im letzten Jahr noch auf Platz fünf zauberten sie mit „Wer ist der Mensch und wer der Freak?“ 482 Punkte auf die Bühne. Sie nahmen das Publikum mit in eine aufregende Freakshow zwischen Genialität und Wahnsinn. Die Tänzerinnen und Tänzer lebten den Tanz und zeigten einen fabelhaften Ausdruck. Der Vizemeistertitel ging an den Vorjahressieger KC Röttenbach „Die Besenbinder“ mit ihrem Tanz „Tief gefallen“. Sie legten ein Drama auf die Bühne, als würde es um das eigene Leben gehen. Viel Einfallsreichtum und aufwändige Kostümeffekte bescherten der Gruppe 479 Punkte. 472 Punkte erreichte Platz drei – der Tanz „Wir wählen die Freiheit“ aus Knielingen, genauso wie schon im letzten Jahr. Damit machten sie den Schock bei den weiblichen Garden wieder gut und belohnten sich noch einmal mit einem tollen Erfolg. 

Platz 1 Schautänze: KKG Buchnesia Nürnberg

Platz 2 Schautänze: KC Röttenbach 

Platz 3 Schautänze: SV Karlsruhe-Knielingen

Von einem tollen Erfolg kann eigentlich jeder sprechen, der sich für diese Meisterschaft qualifiziert hatte. Bei der Siegerehrung feierten alle, die bis zum Schluss nach elf Stunden Turniertag noch geblieben waren, die Meister. Doch das Schönste passierte eigentlich erst ganz am Schluss: Die frischgebackenen Deutschen Meister Selina Hoffmann und Alexej Balzer konnten ihre Verlobung feiern. Denn vor der versammelten Mannschaft fasste sich Alexej nach zehn Jahren Beziehung ein Herz und ging vor Selina auf die Knie. Etwas Anderes als „Ja ich will“ hätte gar nicht passieren können. Es war wohl einer der schönsten Augenblicke, die ein BDK-Turnier in den letzten Jahren erlebt hat. Da steht also demnächst Großes vor der Tür. Und auch tänzerisch sind wir uns sicher, dass nächstes Jahr wieder viel passieren wird. Denn das Niveau der Tänze ist auch in diesem Jahr so enorm hoch und die Leistungsdichte so eng gewesen, dass dem Publikum Spannung pur und Abwechslung geboten wurde. Jetzt haben sich alle eine kleine Pause verdient und dann geht’s mit neuen Tänzen und neuer Power in die neue Saison. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr. Denn 2018 heißt es dann: Alle nach Halle! 

 

Ein Video von der Siegerehrung und dem emotionalen Antrag von Alexej findet ihr auf der Garde & Show Facebook-Seite.  

Alle Ergebnisse vom Ü15-Turnier findet ihr hier (Quelle: garde2000.de)

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